Interview mit Michael Betzner-Brandt

Unser musikalischer Botschafter Michael Betzner-Brandt befragt von Kordula Voss

Fragen von Kordula Voss, Singende Krankenhäuser e.V.
Antworten Michael Betzner-Brandt, 02.04.2014

Welche Bedeutung hat das Singen für Dich persönlich?
Welche Wirkungen hat das Singen auf Dich?


Singen ist für mich ein Mittel, um mich und die Welt besser zu verstehen und zu erkennen. Mehrmals am Tag frage ich mich, wie es mir jetzt gerade geht und nehme mir eine kurze Auszeit für mich. Das kann eine halbe Minute sein. Und da singe ich leise und für mich einen kleinen Soulsong, der mir detailliert darüber Auskunft gibt, wie und wo ich gerade bin und in welcher Stimmung ich bin. Das entspannt, bringt mich in den Moment und ich bin ein wenig mehr im Einklang mit mir. Übers Singen geht’s bei mir am schnellsten. „Nur“ Atem beobachten geht manchmal auch.
Ich nutze das Singen auch im Kontakt zur Welt. Manchmal „singe“ ich beim Spazierengehen die Silhouette des Horizonts. Oder ich nehme eine Blume oder einen Grashalm oder im Museum ein Kunstwerk und tue so, als wäre das eine Partitur. Ich singe es ab, manchmal singe ich es an.Ich lasse mich davon inspirieren. Und das kann ich dann am besten in meinem Herzen, meinem Verstand und in meinem Körper verstehen und fühlen, wenn ich singe.
Auch im Kontakt zu meinem Mitmenschen, im Gespräch zum Beispiel, achte ich manchmal bewusst nur auf den Stimmklang, selbst auf die Gefahr hin, dass ich darüber den Inhalt, die Semantik dessen, was mir jemand sagt, nicht mitkriege. Aber die Stimme transportiert eben auch wichtige Informationen und ist einfach schön anzuhören, eben weil sie so persönlich ist.


Welche Wirkungen des Singens beobachten Du bei Anderen (Kollegen, Publikum ...)?

Singen ist nun mal im Gegensatz zum Hören eine eher aktive Tätigkeit. Diese Aktivität steigert die Energie in jedem Einzelnen und einer ganzen Gruppe, zum Beispiel ein Publikum. Bei unseren Chorkonzerten bauen wir immer wieder Stücke und Aktionen ein, wo das Publikum eingeladen ist mitzusingen. Das schafft nicht nur ein stärkeres Gemeinschafts- und Solidaritätsgefühl, sondern als Ausführende auf der Bühne haben wir das Gefühl, ein Publikum, mit dem wir gemeinsam singen oder gesungen haben, hört intensiver und offener zu. Das gemeinsame Singen verändert die Stimmung im Saal zum Positiven.
Beim Ich-kann-nicht-singen-Chor, der einmal monatlich in der Berliner Urania stattfindet, gibt es in dem Sinne kein Publikum. Bzw. alle sind gleichzeitig Ausführende und Publikum. Ich mag die heitere, offene, gelöste Stimmung, die bei dieser Veranstaltung mit ca. 150 Menschen entsteht. Das geht da aber nicht nur durchs Selber-Singen, sondern auch durch Spiele zur Kontaktaufnahme, der Konzentration aufs eigene Körpergefühl und leichte, kreative, lustige Kommunikationsspiele. Dazu kommt dann noch die Kraft der Musik, der neuen und altbekannten Songs. Das ist eine Energiedusche für mehr als einen Tag.


Welches Anliegen verbindest Du mit Ihrem Engagement bei den "Singenden Krankenhäusern", was bewegt Dich zu diesem Engagement?

Singen kann den Heilungsprozess beschleunigen, unterstützen und erträglicher machen. Wer als Patient im Krankenhaus weilt, setzt sich damit auseinander, dass irgendwas im Körper - durch welche Ursachen auch immer - nicht so läuft wie es schön wäre. Das kostet Kraft. Dabei weiß man sich im besten Falle in guten Händen bei kompetenten Ärzt/innen/en und wirksamen Medikamenten und Behandlungen. Allerdings werden diese Medikamente und Behandlungen von außen an einen herangetragen. Darüber kann man schon mal vergessen, dass die eigentliche Kraftquelle in jedem selber liegt. Manchmal, im Krankenhaus, ist diese eigene Kraftquelle etwas verborgen und nicht so stark sprudelnd. Manchmal versiegt sie sogar und man stirbt.
Singen kann eine Möglichkeit sein, an die eigne Kraftquelle bei sich anzudocken. Entweder schlicht dadurch, dass man fühlt, wie die eigene Stimme im eigenen Körper vibriert und ihn buchstäblich in Schwingung bringt. Dann aber auch durch die Emotionen, die in vielen hunderten Songs zum Ausdruck gebracht werden. Ein Lieblingslied ist auch dann noch ein Lieblingslied, wenn es einem sehr dreckig geht. Und wenn man Angst hat oder Sorgen, kann es befreiend und wohltuend (und nicht etwa noch verstärkend) sein, wenn man genau über diese und aus diesen unliebsamen Emotionen singt.
Die Bluesmusiker machen es vor: Dadurch, dass sie singen, wie sehr sie den Blues haben, ändert sich vielleicht erstmal nichts an ihren Lebensumständen. Allerdings in ihrem eigenen Erleben ändert sich durchaus alles: Es macht viel mehr Spaß und gibt viel mehr Kraft den Blues zu singen als den Blues zu haben.
Deshalb finde ich es eine sinnvolle, gute und unterstützenswerte Idee und Initiative von Singende Krankenhäuser e.V., sich dafür einzusetzen, dass eine wissenschaftlich erwiesenermaßen gesundheitsfördernde Behandlungsmethode wie das Singen als elementarer Bestandteil im Heilungsprozess mitbedacht würde.

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