Interview mit Ludger Vollmer

SK:
Welche Bedeutung hat das Singen / Musik für Sie persönlich?

L.V.:
Natürlich bin ich über das Singen zur Musik gekommen. Singen hieß immer Spass, Freude, große Emotionalität für mich; ich stamme aus einer großen Familie, in der alle Feste bis heute immer mit schönem Satzgesang, aber auch mit fröhlichen Volks- , Scherz- und derben Trinkliedern gefeiert wurden, die wir mit allen gerade habhaft seienden Instrumenten frei begleitet haben, von der Geige über Gitarre, Bandoneon, Klavier, Flöten, Akkordeon, Banjo bis hin zur Tuba. Das war und ist immer ein Heidenspass! Auch die traurigen Anlässe hatten ihren Platz im gemeinsamen Lied. Es gibt regelrechte Hymnen, die an wichtige Stationen unserer gemeinsamen Biografie erinnern. Das Singen umrahmte unser Leben und markierte regelrecht unsere Identität als Familie.

Ich selber wäre todunglücklich ohne die Musik; ein Leben ohne Musik wäre unvorstellbar und die Hölle für mich.

SK:
Welche Wirkungen hat das Singen / Musik auf Sie?

LV:
Singen ist für mich der stärkste und zugleich sublimierteste Ausdruck von Emotionalität, von Kommunikation in Emotionalität. Wenn ich mit Freunden und meiner Familie singen kann, bin ich sehr glücklich. Zugleich glaube ich, daß es kaum einen authentischeren und genaueren Ausdruck für menschliche Emotionalität als den Gesang gibt. Gesang, der immer nicht nur Text, sondern zugleich die Interpretation des Textes enthält, transportiert auch ganz stark körpersprachliche Signale, die durch andere Medien überhaupt nicht oder nur schwach fließen können. Die emotionale Botschaft an die Mitwelt potenziert sich somit. - Sicher wird das einer der Gründe sein, die die Wahl meines Kommunikationsmittels als Künstler auf die Oper fallen ließen.

SK:
Welche Wirkungen der Musik / des Singens beobachten Sie auf Jugendliche?

LV:
Leider scheint der tradierte Gesang an sich, den wir noch mit dem Begriff Volkslied verbinden, aus der jüngeren Generation nahezu verschwunden zu sein, obwohl er ein wesentliches Transportgut kultureller Identität ist. Betrachten Sie hierzu die aussereuropäischen Kulturen, etwa die türkische oder auch lateinamerikanische oder afrikanische Kulturen! Die sind grade bei den Jungen ohne Gesang unvorstellbar.

Mein Wunsch als Opernkomponist ist daher, möglichst viel mit der jüngeren Generation zusammenzuarbeiten, sie z. B. in Jugendopern wie SCHILLERS RÄUBER_RAP'N BREAKDANCE OPERA (Jena 2009) oder BORDER (Köln, 2012) auf die Bühne zu holen, singen und agieren zu lassen und so von sich zu erzählen. Sind die Jugendlichen einmal hereingeholt in das aktive Singen, so sind sie sehr schnell regelrecht "angefixt". Sie können es nicht mehr lassen und sind glücklich damit. Oftmals, wie in SCHILLERS RÄUBER oder auch in GEGEN DIE WAND (Bremen, 2008) spielen Volkslieder eine wichtige Rolle in der Partitur; für die Jungen und Mädchen erschließen sie sich dann wie ein versunkener Schatz.

SK:
Welches Anliegen verbinden Sie mit Ihrem Engagement bei den "Singenden Krankenhäusern", was bewegt Sie zu diesem Engagement?

LV:
Eines der wichtigsten Bilder meiner Jugend hatte sich mir am Sterbebett meiner Großmutter eingeprägt: Der Großvater, selber todkrank, holte eine Gitarre hervor- ich wußte bis dahin gar nicht, dass er Gitarre spielen konnte- und sang mit ihr, an ihrem Bett, die Lieder ihrer Jugendzeit, Liebes- und Wanderlieder. Das hatte einen Frieden, ein Glück, eine Liebe und vor Allem eine Würde, die ich nie vergessen werde.

Auch meinen Vater haben wir vor einem Jahr im Kreis unserer Familie mit auf diese Weise hinübergeleiten können, und ich glaube, daß er auf seinem letzten Weg glücklich war, daß wir so bei ihm sein konnten. Wir waren es auch.

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